Veranstaltungsreihe “Mehr Sprachigkeit!” (seit März 2018)

 

Welche Übergänge gibt es zwischen der Internationalen Jugendarbeit und der Arbeit mit Jugendlichen hier vor Ort in Bremen? Welche Themen beschäftigen sowohl Fachkräfte in internationalen Austauschprojekten als auch im Freizi, in der politischen Jugendbildung oder in der Betreuung und Beratung von Jugendlichen? Und wie können wir in diesem Kontext Themen aus der Internationalen Jugendarbeit in die “lokale” Jugendarbeit einbringen und hierüber auch den Bekanntheitsgrad internationaler Austauschprojekte steigern?

 

Ausgehend von diesen Fragestellungen führen wir seit 2018 Bildungsveranstaltungen im Rahmen der Reihe “Mehr Sprachigkeit!” durch. Wir haben den wertschätzenden Umgang mit Mehrsprachigkeit als eine wichtige gemeinsame Herausforderung der internationalen sowie der “lokalen” Jugendarbeit identifiziert. Auch in den Jugendbegegnungen zwischen Neu- und Alt-Bremer*innen, die wir 2016 auf den Weg gebracht haben und die inzwischen von der Jugendbildungsstätte LidiceHaus koordiniert werden (siehe Beitrag zu Your VOICEland auf dieser Website), ist es uns ein zentrales Anliegen, Möglichkeiten zur Mitsprache für alle zu schaffen. Das Projektvideo von 2016 bietet hier einen guten Einblick.

 

 

Für die Auswahl des Schwerpunktthemas “Wertschätzender Umgang mit Mehrsprachigkeit” sprechen für uns mehrere Gründe:

 

1. Wir möchten, dass alle (Sprachen) zu Wort kommen und gehört bzw. gesehen werden.

 

2. Wir wünschen uns, dass der Sprachgebrauch* ein selbstverständlicher Bestandteil der Reflexion über die eigene, diskriminierungssensible Bildungsarbeit wird. (*Hiermit ist sowohl der eigene Sprachgebrauch als auch der Gebrauch von Sprache in der Zielgruppe/bei der Zielperson gemeint. Wer spricht (wie)? Warum? Wer spricht nicht? Warum? Wie lassen sich diese Verhältnisse ändern?)

 

3. Wir wünschen uns ein „Language Mainstreaming“: dass “Sprache” als Querschnittsthema und als Diskriminierungsursache nicht nur in der praktischen Arbeit, sondern auch in den Einrichtungen und in der Gesellschaft zentrale Berücksichtigung findet. (Darum auch der fordernde Titel: Mehr Sprachigkeit!)

 

4.  Wir möchten das Sprechen über Sprache(n) gegenüber dem Sprechen über „Kultur“ aufwerten. (Denn der Kulturbegriff und damit auch die “interkulturelle Kommunikation” bieten viele Fallstricke. Das Potenzial für Veränderung wird hier oft von einem sehr “natürlichen” Kulturbegriff entkräftet.)

 

5. “Sprache darf kein Tabu sein.” Wir wünschen uns einen Umgang mit Mehrsprachigkeit, der nicht von Misstrauen und Tabuisierung, sondern von Vertrauen und Wertschätzung geprägt ist.

 

 

Unsere Erfahrungen aus der Praxis der Internationalen Jugendarbeit und auch aus der Jugendarbeit/-bildung hier in Bremen haben uns immer wieder gezeigt, dass es oft – vor allem aus Zeitgründen – “wohl oder übel” hingenommen wird, dass sich nicht alle Jugendlichen (oder auch Fachkräfte, z.B. in Teamsitzungen) gleichermaßen auf der Arbeitssprache verständlich machen und diese gleichermaßen verstehen können. Dass Exklusion in Bezug auf Sprache oftmals in Kauf genommen wird, “weil es gar nicht geht alles immer für alle zu übersetzen”.

 

Wir versuchen mit unseren Bildungsangeboten im Rahmen der Veranstaltungsreihe “Mehr Sprachigkeit!” zum Beispiel dafür zu sensibilisieren, dass ein umfassendes Verständnis der Fragestellung und der Rahmenbedingungen eine Grundvoraussetzung für Partizipation ist. Und dass Teilhabe nur gelingen kann, wenn die Jugendlichen sich in einer Sprache ausdrücken können, mit der sie sich wohlfühlen und somit identifizieren.

 

Um neue Zielgruppen in der (internationalen) Jugendbildung zu erreichen, muss unserer Einschätzung nach der Sprachgebrauch in diesem Arbeitsbereich (selbst)kritisch reflektiert und erweitert werden. Sprache bezieht sich hier sowohl auf die Art und Weise des Ausdrucks, der genutzten Begriffe, der Ansprache usw. (also das sogenannte sprachliche “Register”) als auch auf die in den Bildungsangeboten zum Einsatz kommenden Familien- und Herkunftssprachen.

 

Mit unseren Angeboten wollen wir somit auch den Status der “Bildungssprachen” – hier und auch im internationalen Kontext – herausfordern. Wenn z.B. in einer bilateralen internationalen Jugendbegegnung viele Familiensprachen aufeinandertreffen, sollten dann nicht all diese Sprachen und nicht nur die “Nationalsprachen” zu Wort kommen (können -> Freiwilligkeit!)? Und somit z.B. in den Sprachanimationsmethoden aber auch in den thematischen Workshops Berücksichtigung finden? Und könnten nicht auch hier in Bremen viel mehr Bildungsangebote auf anderen Sprachen geschaffen werden, um all die hier lebenden jungen Menschen miteinzubeziehen, die nicht oder noch nicht Deutsch auf “bildungssprachlichem” Niveau sprechen, aber ganz viel zu sagen haben?

 

Nicht zuletzt wirft für uns also die Beschäftigung mit “Mehr Sprachigkeit!” die Frage nach der Beschaffenheit einer globalen, d.h. nicht nationalstaatlich geprägten, Bildungsarbeit auf.

 

Wir freuen uns sehr, wenn Sie mit Ihren Ideen diesen Arbeitsbereich mitgestalten möchten. Oder Sie haben eine Idee für eine (Kooperations)Veranstaltung, die wir in unsere Reihe aufnehmen könnten?

 

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Ansprechpartnerin:
Anna Müller
E-Mail: mueller@jugendinfo.de
Tel: (0421) 330089-10